Frau Dr. Ott-Jacobs, Sie sind seit vielen Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig – mit einem besonderen Fokus auf Essstörungen. Was hat Sie persönlich an diesem Fachgebiet berührt und motiviert?
Ich bin tatsächlich eher über Umwege zu diesem Thema gekommen. Im Studium habe ich zufällig einen Vortrag darüber gehört, der sofort mein Interesse geweckt hat. Später habe ich erfahren, dass in Hamburg Fachkräfte in diesem Bereich gesucht werden. Zunächst war ich am Wilhelmstift tätig und bin 2006 zum Asklepios Klinikum Harburg gewechselt.
Sie arbeiten schon seit fast drei Jahrzehnten in einem Bereich, der auch für Behandelnde eine große Herausforderung ist. Wie schaffen Sie das?
Natürlich sind ein gesundes Sozialleben, Freizeit und Urlaub wichtig. Entscheidend ist aber neben einer soliden psychotherapeutischen Ausbildung die Möglichkeit, in Supervisionen die Themen und Schicksale, die wir in unserem Beruf erleben, zu reflektieren und loszulassen. Psychotherapie funktioniert nur, wenn wir uns wirklich auf unsere Patientinnen und Patienten einlassen. Das ist immer ein Balanceakt: Einerseits müssen wir nah dran sein, andererseits aber auch den nötigen Abstand wahren. Sonst können wir nicht helfen und würden die Belastungen dauerhaft mit uns tragen – und das wäre nicht gut.
Wie sieht Ihre Rolle in der Klinik heute aus?
Mitarbeitergewinnung und -ausbildung, die Supervision der Oberärztinnen und Oberärzte sowie organisatorische Aufgaben prägen meinen Alltag. Am liebsten arbeite ich jedoch an neuen Konzepten, um unsere Behandlungen und unser Haus weiterzuentwickeln.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Bereits 2012 haben wir in der Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen gesehen, dass wir schnell an Grenzen stoßen, wenn wir die Familie – und vor allem die Eltern – nicht einbeziehen. Das hat, und das ist mir wichtig, nichts mit einer Schuldfrage zu tun. Aber natürlich können Erlebnisse und Erkrankungen der Eltern Auswirkungen auf die Kinder haben. Ob und welche, erfahren wir nur, wenn wir auch die Eltern ins Haus einbeziehen. Daher habe ich damals begonnen, ein Konzept zu entwickeln, bei dem die Betroffenen, die Eltern und alle therapeutischen Disziplinen an einem Ort zusammenkommen, um die bestmögliche Behandlung anbieten zu können. Seit 2018 gibt es bei uns die „Therapiestation für Säuglinge, Klein- und Vorschulkinder und deren Eltern“. 2024 war der Spatenstich für das „Hamburger Eltern- und Kinder-Therapiehaus“. Zukünftig können wir nicht nur jüngere Patientinnen und Patienten, sondern auch ältere Schulkinder behandeln – und zwar sowohl stationär als auch tagesklinisch.
Die Familienbasierte Therapie bei Essstörungen ist in Deutschland noch relativ unbekannt, basiert aber ebenfalls darauf, die Eltern in die Behandlung einzubeziehen. Wie bewerten Sie FBT?
Wir kennen das Konzept und auch die Studie, die die Charité Berlin dazu durchführt. FBT kann sicherlich helfen – gerade für jüngere Patientinnen und Patienten ist es oft eine wichtige erste Etappe auf dem Weg aus der Krankheit. Essstörungen können ja sehr lange dauern, manchmal ein Leben lang. Grundsätzlich teile ich das Prinzip der FBT: Ich halte nichts davon, Eltern oder irgendjemanden für eine Essstörung verantwortlich zu machen. Allerdings braucht FBT eine spezielle Abteilung, die wir derzeit nicht haben, weshalb wir dieses Konzept aktuell nicht direkt anbieten können.
Zum PräventionscheckBetroffene und Eltern berichten, dass es in Deutschland immer noch gängige Praxis ist, den Eltern die Schuld zu geben oder sie von den Kindern zu trennen. Warum wird das Ihrer Sicht nach noch gemacht?
Wenn Eltern dabei sind, ändert sich das Setting, und ich könnte mir vorstellen, dass sie manchmal als Störfaktoren wahrgenommen werden. Dabei ist es doch so naheliegend, Eltern einzubinden. Natürlich ist nicht jede Mutter, jeder Vater in der Lage, sich auf ein herausforderndes und anstrengendes Therapiekonzept einzulassen – aber der Versuch lohnt sich. Psychische Erkrankungen haben eine enorme Wucht, doch die Kraft der Eltern darf man nicht unterschätzen. Von generellen, wochenlangen Kontaktsperren halte ich nichts, es sei denn, es gibt objektive Gründe dafür. Grundsätzliche elterliche Schuld hingegen gibt es meiner Ansicht nach nicht – das zeigen auch unsere klinischen Erfahrungen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Je jünger das Kind, desto stärker sollten die Eltern in die Behandlung eingebunden werden.
Gibt es aus Ihrer Sicht einen therapeutischen Ansatz, der grundsätzlich gut bei Essstörungen funktioniert?
Das wäre schön, aber nein, den gibt es nicht. Wir gehen grundsätzlich ähnlich vor: Zunächst betrachten wir in der Erstvorstellung die Symptomentwicklung, die Entwicklungsanamnese und Elterngeschichten und den körperlichen Zustand, um dann zu entscheiden, ob eine ambulante oder stationäre oder teilstationäre Behandlung sinnvoll ist. Jede Konstellation ist jedoch einzigartig. Wie wir schließlich im therapeutischen Kontext Erkenntnisse bei Eltern und Betroffenen in konkrete Verhaltensänderungen umsetzen, ist immer individuell.
Dr. med. Sabine Ott-Jacobs leitet seit 2013 als Chefärztin die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik am Asklepios Klinikum Harburg in Hamburg.Worum geht es denn in der Therapie generell
Kurz gesagt: ums Mitmachen. Betroffene und Eltern müssen erkennen, dass es sich bei einer Essstörung um eine schwerwiegende Erkrankung handelt, die behandelt werden muss. Krankheitseinsicht ist der erste Schritt.
Was meinen Sie mit „wollen“?
Dass ein Mensch mit Magersucht zunächst nicht einsehen will, dass eine ernsthafte Erkrankung vorliegt, ist verständlich. Aber auch Eltern wollen oder können oft, aus den unterschiedlichsten Gründen – die ich nicht bewerte – nicht erkennen, wie krank ihr Kind ist und dass ein Aufenthalt in einer Klinik notwendig ist. Selbst dann nicht, wenn für das Gewicht so niedrig ist, dass Außenstehende die Dramatik sofort erkennen. Unsere Hauptaufgabe besteht also darin, im therapeutischen Kontext Einsicht und das Commitment für ein Mitmachen zu erreichen. Und sei es nur ein noch so kleiner Schritt – aber dieser eine Schritt ist wichtig.
Zum PräventionscheckWelche Faktoren begünstigen eine Essstörung bei jungen Menschen?
Da es sich um eine komplexe Krankheit handelt, sind auch die Ursachen vielschichtig, es gibt nicht den einen Grund. Während der Pandemie haben wir beispielsweise klinisch einen Peak bei allen psychischen Erkrankungen beobachtet, besonders bei Essstörungen. Aktuell liegen die Fallzahlen weiterhin auf einem hohen Niveau. Der Zusammenhang mit der besonderer Situation während Corona ist offensichtlich. Aber grundsätzlich muss viel zusammenkommen.
Eltern sind in einer besonderen Situation, wenn ihr Kind an einer Essstörung erkrankt, da die meisten medizinischen und therapeutischen Institutionen sie aus der Therapie raushalten wollen. Wie sollten Eltern darauf reagieren und damit umgehen?
Generell kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass nicht alle Eltern in der Lage sind, positiv auf die Therapie ihrer Kinder einzuwirken. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Wenn sie das aber wollen, dann sollten sie aktiv Interesse an der Mitarbeit bekunden. Besonders wichtig ist aber, ein tiefes Verständnis dieser komplexen Krankheit und deren Entwicklung zu bekommen. Nur so können eigene Verhaltensweisen und die des Kindes richtig eingeordnet und nicht gegen sich selbst bezogen werden. In der Behandlung von Kindern und auch von Jugendlichen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) ist immer die sogenannte Elternarbeit integriert. Das bedeutet aber nicht, bei diesen Elternterminen die Schweigepflicht in Frage zu stellen.
Frau Dr. Ott-Jacobs, vielen Dank für das Gespräch.