Marie, vielen Dank, dass Du den Mut hast, Deine Geschichte zu teilen. Magst Du erzählen, wer Du bist und wie Dein Weg mit der Essstörung begonnen hat?
Meine Essstörung hat mit einer Diät mit einer Freundin angefangen. Da war ich 17 Jahre alt, das ist jetzt acht Jahre her. Wir haben beide gesagt, dass wir ein bisschen mehr Sport machen und uns gesund ernähren. Zucker und Fastfood aus unserer Ernährung streichen. Das haben wir auch gemacht. Und am Anfang hab ich mich auch nicht gewogen, hatte auch keinen Plan von Kalorien. Ich hab einfach das Ungesunde in meinen Augen gestrichen und die anderen Lebensmittel habe ich auch sehr viel konsumiert, weil ich durch den Sport halt auch mehr Hunger hatte. Hab dadurch aber trotzdem abgenommen. Ich hab das nur optisch im Spiegel gesehen. Irgendwann hab ich mich dann auf die Waage gestellt und gesehen, dass ich in kurzer Zeit sehr viel abgenommen hatte. Das war auch der erste Moment, wo ich dachte: Irgendwie ist es nicht ganz gesund. Aber ich hab nicht dagegen gesteuert.
Wann hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?
Der zweite Punkt war ein Ausflug. An dem Tag hab ich in meinen Augen schon zu viel gegessen. Nachmittags waren wir Eis essen, das hab ich noch geschafft. Und dann wollten meine Eltern auf dem Rückweg einen Döner holen. Eigentlich habe ich immer sehr gerne gegessen – auch als Teenager. Aber in dem Moment konnte ich es einfach nicht. Ich hab angefangen zu weinen und gesagt: „Nein, ich kann jetzt nicht noch Döner essen, das geht einfach nicht.“ Da hab ich für mich gemerkt: Okay, irgendwas ist hier falsch.
Was waren aus heutiger Sicht die Auslöser?
Der Auslöser war definitiv die Diät. Gleichzeitig aber auch Druck und Stress. Ich war in der zehnten Klasse, kurz vorm Abi. Uns wurde die ganze Zeit gesagt, wie wichtig die Noten jetzt sind, dass es um die Zukunft geht. Das hat alles mit reingespielt. Sonst kann ich keinen konkreten Auslöser benennen.
Welche Rolle hat Deine Familie gespielt?
Zu diesem Zeitpunkt hat meine Familie eine sehr große Rolle gespielt, weil sie mir helfen wollten – auch wenn ich es am Anfang nicht einsehen wollte. Meine Mutter hat damals meinen Kinder- und Jugendarzt vor einer Impfung angerufen und gesagt: „Können Sie bitte meine Tochter wiegen?“ – ohne mir das zu sagen. Beim Arzt kam dann raus, dass ich im Untergewicht war. Aber der hat nicht wirklich reagiert.
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Wie sah deine Suche nach Hilfe konkret aus?
2017 war ich schon einmal – nicht freiwillig – in einer Klinik. Das hat mir aber nichts gebracht. Weil es nicht freiwillig war, ist die Hilfe komplett gescheitert. Mein damaliger Hausarzt hat nur gesagt, ich soll mehr essen. Meine Ernährungsberatung hat mich auch nicht unterstützt. Als ich weiter abgenommen habe, hieß es nur: „Ja, selbst schuld.“ Ich hatte sogar eine Zwangseinweisung durch eine Ärztin. Krankenhaus und alles Mögliche – aber auch das war nicht freiwillig und hat mir nichts gebracht.
Wie war es später, als du wirklich Hilfe wolltest?
Ich war fürs Studium ausgezogen und hatte einen schleichenden Rückfall. Ich hab gemerkt: Ich brauche Hilfe. Ich habe gefühlt 5000 Psychologen angeschrieben – nur Absagen. Lange Wartelisten. Ein Therapeut sagte sogar zu mir: „Sie essen ja eigentlich noch genug. Andere essen weniger. So schlimm kann es gar nicht sein.“ Irgendwann hab ich aufgegeben. Ich bin immer weiter abgerutscht und hatte keine Kraft mehr – Uni, alleine leben, alles war anstrengend.
Welche Unterstützung hattest Du bis zur Klinikaufnahme?
Ich hab mir dann eine private Therapeutin gesucht, weil ich nichts anderes gefunden habe. Einmal im Monat. Sonst niemanden. Wirklich niemanden. Ich hab das alles mit mir selbst ausgemacht. Das war auch das Schwierigste: Man findet einfach niemanden. Bei Aufnahmegesprächen hieß es dann: „Ihr Zustand ist zu schlecht für ambulante Therapie.“ Oder: „Zu wenig. Sie brauchen mehr, deshalb nehme ich Sie gar nicht auf.“
Wie kam es schließlich zur Klinik?
Weil ich einfach nicht mehr konnte. Ich hab gemerkt: Ich pack das nicht mit der Uni und dem Alleineleben. Ich brauche eine Auszeit. Ich habe mich im März angemeldet und bin im September in die Klinik gekommen. Bis dahin hab ich noch studiert. Der Frühling hat mich sogar nochmal motiviert, es alleine zu schaffen. Ich habe ein bisschen zugenommen und es ging mir besser als zum Zeitpunkt der Anmeldung. Aber ich wusste: Ich brauche Hilfe.
Wie hast du den Klinikaufenthalt erlebt?
Ich war in der Schön Klinik Bad Arolsen. Eine komplett andere Erfahrung als mit 17. Ich hatte viel Gutes gehört. Mir hat geholfen, dass ich wusste: Ich kann jederzeit gehen, weil ich erwachsen war. Sehr geholfen haben mir die vielen Therapien – von morgens bis abends. Vor allem die Kotherapie. Man konnte jederzeit hingehen, wenn etwas war. Das Pflegepersonal war unheimlich lieb. Insgesamt habe ich mich sehr wohlgefühlt. Was mir gefehlt hat, war Individualität beim Essen. Es gibt Richtmengen, für alle gleich. Ich bin jemand, der lieber kleinere Portionen über den Tag verteilt isst. Es gibt dort ein Tischsystem – Tisch 1 mit kompletter Begleitung, Tisch 2 mit mehr Selbstständigkeit, Tisch 3 komplett frei. Ab Tisch 3 konnte ich meine Snacks selbst einteilen, das hat mir sehr geholfen. Was ich sehr traurig finde: Die extreme Unterscheidung zwischen privat und gesetzlich Versicherten. Ich hatte eine private Zusatzversicherung und war auf der Privatstation mit Einzelzimmer. Gesetzlich Versicherte mussten ins andere Haus mit Mehrbettzimmern und weniger Therapieangeboten. Es gibt sogar zwei Essenssäle – einen für privat, einen für gesetzlich. Wir hatten mehr Auswahl. Das finde ich wirklich sehr schade.
Wie bewertest du ambulante Angebote mit Familieneinbindung?
Ich finde das sehr sinnvoll. Man ist in der Klinik in einer Bubble – und kommt nach Hause und bekommt einen Realitätsschock. Der Alltag ist plötzlich wieder da. Ein langsamer Übergang zurück in den Alltag mit Einbindung der Familie ist aus meiner Sicht sehr sinnvoll.
Was müsste aus Deiner Sicht verbessert werden?
Dringend bei ambulanten Therapieplätzen. Wir haben viel zu wenig Psychologen. Ich habe über 20 angeschrieben. Die Wartelisten für ein Erstgespräch betragen teilweise sechs Monate. Wenn man sich Hilfe sucht, geht es einem meistens noch nicht ganz so schlecht. Aber man bekommt keine Hilfe – und rutscht weiter ab. Irgendwann ist man so krank, dass Therapeuten einen nicht mehr aufnehmen. Außerdem wird immer noch zu viel am Gewicht festgemacht. In der Klinik mussten Patientinnen mit Normalgewicht nach sechs Wochen gehen, weil die Krankenkasse nicht länger zahlt. Untergewichtige durften bleiben. Aber die Krankheit ist im Kopf. Ab Normalgewicht wird es oft sogar schwieriger, weil die Angst vor weiterer Zunahme steigt. Und dieser BMI – der sollte abgeschafft oder geändert werden. Es wird alles an dieser Zahl festgemacht.
Welche Verantwortung tragen Social Media und Gesellschaft?
Social Media ist extrem: Immer dünner, immer definierter. Frauen brauchen ein Sixpack, einen Po. Alles clean, kein Zucker, High-Protein-Produkte überall. Ein normales Brot mit Butter ist „schlimm“, Käse ist „schlimm“. Wenn man etwas Ungesundes isst, ist es der Weltuntergang. Viele verbreiten Falschinformationen oder zeigen nur die perfekte Fassade. Später sagen sie dann: Mir ging es gar nicht gut. Ich habe meine Periode verloren. Auch Werbung – vor allem zum Neujahr – überall Diäten. Unsere Gesellschaft denkt immer noch: Abnehmen ist gut, zunehmen ist schlecht. Das beeinflusst einen.
Was würdest du jemandem sagen, der merkt, dass Essen oder Sport das Leben bestimmen?
Such dir so schnell es geht Hilfe. Auch wenn es schwer ist. Reden ist ganz wichtig – mit Freunden, Familie oder Beratungsstellen. Und wenn Ernährungsberatung, dann bitte qualifiziert und spezialisiert auf Essstörungen. Mir wurde dort teilweise gesagt, ich soll mehr Proteine essen – das hat eher getriggert. Sobald man merkt: Ich kann nicht mehr ohne Kalorienzählen. Ich kann nicht mehr ohne Sport. Ich kann keine Pizza essen, ohne dass es sich wie ein Weltuntergang anfühlt – dann sollte man sagen: Stopp. Das ist nicht normal.
Was möchtest du Menschen mitgeben, die Essstörungen unterschätzen?
Diese Krankheit ist tödlich. Man denkt immer: Morgen höre ich auf. Aber man hört nicht auf. Ab einem bestimmten Untergewicht ist man kognitiv so eingeschränkt. Ich hatte Durchblutungsstörungen, konnte im Winter nicht raus, Magenprobleme, Schlafstörungen, depressive Stimmung. Ich dachte wirklich: Ich kann nicht mehr. Viele glauben, es sei eine Modeerscheinung oder man wolle aussehen wie bei Germany’s Next Topmodel. Das ist die dümmste Aussage, die es gibt. Ich wollte selbst gar nicht so dünn sein. Irgendwann gewöhnt man sich daran. Und nach außen denken alle: Wenn sie Normalgewicht hat, ist alles gut. Aber der Kopf ist noch krank.
Warum ist es dir wichtig, deine Geschichte zu teilen?
Weil man offen über psychische Krankheiten reden sollte. Sie existieren. Und sie gehen nicht von heute auf morgen weg. Die Gewichtszunahme geht schnell – aber der Kopf bleibt krank. Auch nach der Klinik struggelt man weiter. Ich habe auch einen Social-Media-Account gegründet, um einen Safe Place zu schaffen. In der Klinik hat mir der Austausch mit anderen extrem geholfen. Man merkt: Man ist nicht alleine mit diesen Gedanken. Und genau das möchte ich weitergeben. Niemand ist allein. Und es ist okay, weiter zu kämpfen – auch wenn man längst „gesund“ aussieht.
Marie, vielen Dank für deine Offenheit. Wir wünschen dir alles Gute!